Zu behaupten, die Wahrheit zu kennen, ohne die anderen zu richten und hochmütig zu sein bzw. als hochmütig und arrogant angesehen zu werden, das ist heutzutage für viele unmöglich, zwei Dinge, die scheinbar nicht zusammen zu bringen sind. Um nicht hochmütig zu sein, ist man tolerant und sagt: Ich bin Christ und du bist Christ, denn wir beide glauben daran, dass Jesus der Christus ist und für uns am Kreuz starb und wir mit ihm. Und wir sind auch mit ihm wieder auferstanden.

Das ist der Nenner, auf den sich alle einigen können. Aber ist das die Wahrheit? Haben wir alle die Wahrheit gefunden, in all den unterschiedlichen Glaubensrichtungen, weil der Kern jeder Glaubensrichtung vermeintlich der Gleiche ist? Nein, denn wenn man dem Glauben jeder Glaubensrichtung auf den Grund geht und den vermeintlich gleichen Kern diskutiert, stellt man doch schnell fest, dass es so einfach nicht ist. Man kann es nicht auf diesen simplen Nenner reduzieren, denn hinter dem Glauben steckt mehr als nur der Name Jesus Christus. Warum kann es doch möglich sein, dass man behaupten kann, „ich kenne die Wahrheit und ich möchte sie dir weitergeben“, ohne hochmütig zu sein?

Es ist eigentlich sehr einfach, z.B. habe ich weder nach Gott gesucht noch habe ich etwas dafür getan, dass Gott mir seine Gnade erwiesen hat. Ich habe also gar nichts getan, noch habe ich die blasseste Ahnung, warum Gott das tat. Wie kann ich mich also dessen selbst rühmen? Ich weiß sogar, dass ich das „Warum“ erst erfahren werde, wenn ich gestorben bin, und meine Seele im Paradies auf das neue Jerusalem wartet. In der Wahrheit gibt es keinen Stolz, sondern wahrhaftige Erkenntnis der Gnade und daraus folgen vollkommene Dankbarkeit und Demut. Und genau darum weiß ich, dass ich die Wahrheit kenne. Denn ich kann genau das behaupten, sie zu kennen und doch keinen Hochmut und kein Richten in mir zu haben, nur Dankbarkeit für die Gnade. So wie ich in der Welt gewandelt bin, wandelt jeder Mensch. Er kennt die Wahrheit nicht und kann sie auch nicht erkennen, er sträubt sich sogar und läuft von ihr davon, wenn er sie hört. Ich weiß das sehr genau, denn so war es mit mir selbst auch. Gott hat sie in mein Haus gebracht und hatte Geduld mit mir, bis er mir die Ohren geöffnet hat, sie zu hören. Ansonsten hätte sie noch lange in meinem Haus verkündet werden können, ohne dass es mich berührt hätte. Deshalb weiß ich, dass jede Seele so ist, sie ist gefangen im eigenen Glauben und nicht fähig, das andere zu hören. Das ist gerade die Traurigkeit dieser Welt, die Seelen sind gefangen und sie wissen es einfach nicht. Ich habe einen Freund, er ist fast gestorben, aber Gott suchen und die Wahrheit hören möchte er nicht. Kann ich es ihm vorwerfen? Nein, natürlich nicht, denn wenn Gott es ihm nicht gibt, dann kann er es auch nicht (Eph 4,8; Joh 6,44). Das ist eine einfache und simple Tatsache. Die Wahrheit ist einzigartig und wer sie wirklich gefunden hat, der freut sich allezeit und möchte natürlich weitergeben, was er gefunden hat, denn er ist einfach Licht in dieser Welt (Mt 5,14-16), er bemüht sich nicht extra ein besonders helles Licht zu sein, sondern er ist es einfach, so hell wie er eben gerade scheint, sei es gerade entfacht oder schon der volle Morgenstern (2 Petr 1,19). Wie könnte er sagen, ich habe die Wahrheit erkannt, aber du hast auch recht? Wie kann das sein? Das wäre ja gegen die Schrift, die ganz klar darüber spricht.

„[…] und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: „ein“ Leib und „ein“ Geist, wie ihr auch berufen seid zu „einer“ Hoffnung eurer Berufung; „ein“ Herr, „ein“ Glaube, „eine“ Taufe; „ein“ Gott und Vater aller, der da ist über allen und durch alle und in allen“ (Eph 4,3-6).
Keiner der Apostel ist losgezogen und hat die Wahrheit gepredigt und gleichzeitig gesagt: euch, denen ich das Evangelium bringe, ihr habt auch recht mit dem was ihr glaubt.

„Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht“ (Gal 1,8-9).

Aber die Wahrheit macht frei und sie ist von Herzen demütig (Joh 8,31; Mt 11,29), sie wird verkündet, im Wissen, dass des Menschen Seele frei wählen kann, und nur Gott die Ohren gibt, sie zu hören. Sie bleibt bei dem ihren und hat nichts zu tun mit der Lüge, sie ist heiß und kalt, aber niemals lauwarm (Offb 3,15-16). Sie freut sich über jeden, der hört von Herzen, aber sie verurteilt nicht, denn sie ist frei. Sie ist von einer solchen Gnade, dass es kaum zu begreifen ist

„Derhalben beuge ich meine Kniee vor dem Vater unsers HERRN Jesu Christi, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen und ihr durch die Liebe eingewurzelt und gegründet werdet, auf daß ihr begreifen möget mit allen Heiligen, welches da sei die Breite und die Länge und die Tiefe und die Höhe; auch erkennen die Liebe Christi, die doch alle Erkenntnis übertrifft, auf daß ihr erfüllet werdet mit allerlei Gottesfülle“ (Eph 3,14-19).

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